Ein einzelnes Gerät, ein einziger geheimer Schlüssel, ein einziger Ort, an dem alles hängt: Fachleute nennen das einen Single Point of Failure, einen einzelnen Punkt, dessen Ausfall das gesamte System zum Einsturz bringt. Bei der klassischen Eigenverwahrung ist dieser Punkt dein Hardware-Wallet zusammen mit dem Wissen, es zu bedienen.
Dieses Wissen, also PIN und Sicherheitsphrase, ist Fluch und Segen in einem. Solange nur du es kennst, kann niemand sonst an deine Coins. Das ist der Segen. Der Fluch zeigt sich in drei Situationen. Erstens kann man Wissen vergessen, gerade eine Phrase, die man selten braucht. Zweitens kann man zu Wissen gezwungen werden. Die dokumentierte Zahl körperlicher Angriffe auf Bitcoin-Besitzer wächst, und ein Angreifer, der dich zur Herausgabe zwingt, braucht nur diesen einen Menschen: dich. Drittens lässt sich Wissen nicht vererben. Verschweigst du es, sind die Coins im Ernstfall für immer verloren. Schreibst du es auf, hast du ein neues Problem geschaffen: Der Zettel ist jetzt selbst ein Angriffsziel. Wer ihn findet, hat alles.
Es gibt noch eine vierte Schwachstelle, die weniger offensichtlich ist: Du musst dem Gerät selbst vertrauen. Wie teuer das werden kann, hat der Sommer 2026 gezeigt. Ende Juli wurde bei Coldcard, einem der bekanntesten Bitcoin-Hardware-Wallets des kanadischen Herstellers Coinkite, ein Fehler in der Gerätesoftware bekannt. Eine fehlerhafte Weiche in der Firmware sorgte dafür, dass der geheime Schlüssel bei der Einrichtung nicht wie vorgesehen vom eingebauten Zufallschip erzeugt wurde, sondern über einen berechenbaren Software-Ersatz. Der Fehler steckte bereits seit einer Firmware-Version aus dem März 2021 im Code, unentdeckt über fünf Jahre. Schlüssel, die eigentlich unmöglich zu erraten sein sollten, ließen sich dadurch von außen rekonstruieren, ohne dass ein Angreifer das Gerät je in der Hand halten musste.
Am 30. Juli begannen die ersten Abflüsse, in mehreren Wellen bis mindestens Anfang August. Auf Basis unabhängiger Auswertungen von TRM Labs und Galaxy Research summierte sich der Schaden bis dahin auf über 1.800 Bitcoin aus mehr als 5.200 Adressen, umgerechnet über 116 Millionen US-Dollar, einer der größten Krypto-Vorfälle des Jahres 2026. Coinkite bestätigte im Verlauf, dass letztlich alle Gerätemodelle betroffen sein konnten, stoppte die Auslieferung und vernichtete das betroffene Lagerbestand. Eine wichtige Randnotiz für alle, die selbst gut vorgesorgt hatten: Wer beim Einrichten zusätzlich eigene Würfel-Entropie oder eine starke Passphrase verwendet hatte, blieb von dem Fehler verschont, weil der Schlüssel dann nicht allein vom fehlerhaften Zufallsgenerator des Geräts abhing.
Zwei Dinge daran sollte man mitnehmen. Erstens half ein Software-Update den Betroffenen nur begrenzt: Es schützt künftig erzeugte Schlüssel, repariert aber keinen Schlüssel, der bereits auf der fehlerhaften Version entstanden ist. Wer betroffen war, musste umziehen. Zweitens traf es überwiegend Aufbauten mit einem einzigen Schlüssel. Genau das ist der Punkt: Bei einem einzelnen Gerät hängt alles daran, dass dieses eine Gerät seine Arbeit fehlerfrei erledigt hat. Und das lässt sich von außen kaum überprüfen.
Genau hier steckt der Zielkonflikt. Um deine Coins gegen Verlust zu sichern, müsstest du das Wissen teilen. Um sie gegen Diebstahl zu sichern, müsstest du es geheim halten. Ein einzelnes Gerät kann diesen Widerspruch nicht auflösen. Die Antwort liegt nicht darin, ein besseres Passwort zu wählen, sondern darin, die Sicherheit gar nicht erst an einem einzigen Punkt aufzuhängen. Die Idee dahinter heißt Multisignatur, kurz Multisig.