- Viele Ökonomen lehnen Bitcoin nicht wegen der Technik ab, sondern weil in ihrem Lehrbuch steht, dass Geld woanders herkommt.
- Vier Annahmen tragen den Streit: woher Geld stammt, ob Geldentwertung nötig ist, ob Sparen schadet und wer neues Geld zuerst bekommt.
- Wer sie kennt, kann die Kritik einordnen, statt sie ungeprüft zu übernehmen oder pauschal abzutun.
Erstens: Kommt Geld vom Staat oder aus dem Markt?
In der volkswirtschaftlichen Ausbildung steht Geld meist als etwas Gesetztes am Anfang. Eine Zentralbank gibt es aus, der Staat erklärt es zum gesetzlichen Zahlungsmittel, fertig. Dazu kommt eine Prüfliste mit drei Aufgaben: Geld soll Wert über die Zeit halten, sich als Tauschmittel eignen und als Recheneinheit taugen, also als Maßstab für Preise.
Legt man diese Liste an Bitcoin an, fällt das Urteil schnell. Kaum ein Laden rechnet in Bitcoin, die Kursschwankungen sind erheblich, also: kein Geld. Punkt.
Eine andere Denkschule kommt zu einem anderen Ergebnis. Die Österreichische Schule, benannt nach einer Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern rund um die Universität Wien, sieht Geld nicht als Anordnung, sondern als Ergebnis unzähliger Einzelentscheidungen. Carl Menger beschrieb das 1871: Menschen greifen im Tausch nach dem Gut, das sich am leichtesten weiterreichen lässt. Setzt sich eines durch, wird daraus nach und nach Geld.
Dieser Weg verläuft in Stufen.
1. Sammlerstück. Wenige finden die Sache interessant und legen sie beiseite.
2. Wertspeicher. Mehr Menschen halten sie, weil sie knapp und haltbar ist.
3. Tauschmittel. Sie ist verbreitet genug, um damit zu bezahlen.
4. Recheneinheit. Preise werden direkt in ihr angegeben.
Aus dieser Sicht ist Bitcoin nicht „kein Geld“, sondern irgendwo zwischen Stufe zwei und drei. Ob der Weg zu Ende gegangen wird, ist damit nicht gesagt. Der Unterschied steckt in der Frage: Prüft man einen Endzustand ab oder betrachtet man einen Prozess? Wie das praktisch aussieht, haben wir in Argentinien beobachtet.
Zweitens: Sind zwei Prozent Geldentwertung ein Ziel?
Die Europäische Zentralbank strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an, also einen jährlichen Anstieg der Verbraucherpreise um diesen Wert. Abweichungen nach oben und unten gelten als gleich unerwünscht. In der Strategieüberprüfung vom Juni 2025 wurde dieses Ziel ausdrücklich bestätigt.
Die Begründung ist nachvollziehbar: Ein Abstand zur Null verschafft Spielraum. Und weil niemand gern eine Lohnkürzung unterschreibt, erlaubt leichte Inflation, Löhne real anzupassen, ohne dass auf dem Gehaltszettel eine kleinere Zahl steht.
Die Gegenposition setzt woanders an. Technischer Fortschritt macht Dinge billiger. Fernseher, Rechenleistung, Beleuchtung: Alles ist über die Jahrzehnte günstiger geworden, ohne dass jemand aufgehört hätte, es zu kaufen. Wenn Produktivität steigt, wäre der natürliche Zustand also fallende Preise und wachsende Kaufkraft. Dass sie stattdessen planmäßig jedes Jahr sinkt, ist aus dieser Sicht kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung.
Im Beschluss vom 10. September 2026 hob der EZB-Rat die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte an. In den neuen Projektionen liegt die Gesamtinflation bei 3,0 Prozent für 2026, 2,5 Prozent für 2027 und 2,1 Prozent für 2028. Das Ziel wird nach eigener Rechnung also erst gegen Ende des Jahrzehnts erreicht.
Der zweite Grund wird seltener offen ausgesprochen: Staaten und Unternehmen sitzen auf hohen Schulden. Sinken die Preise, wächst deren reale Last, ohne dass sich der Betrag auf dem Papier ändert. Leichte Inflation wirkt umgekehrt. Sie entwertet Schulden langsam und still. Mehr dazu am Beispiel des Rufs nach einem Preisdeckel.
Bitcoin steht dem entgegen, weil die Menge von Anfang an begrenzt ist. Es wird nie mehr als 21 Millionen Stück geben. Dieser Wert lässt sich nicht per Beschluss ändern.
Es wäre unredlich, die Sorge vor Deflation als bloßen Denkfehler abzutun. In einem stark verschuldeten System kann eine Abwärtsspirale entstehen: Preise fallen, Schulden werden real schwerer, Unternehmen sparen, Menschen verlieren Arbeit, die Nachfrage fällt weiter. Genau das ist in den 1930er Jahren passiert.
Viele Ökonomen unterscheiden deshalb sehr wohl zwischen fallenden Preisen durch bessere Technik und solchen durch wegbrechende Nachfrage. Wer den Mainstream als geschlossene Front darstellt, macht es sich zu leicht.
Drittens: Ist Sparen eine Tugend oder eine Bremse?
In gängigen Konjunkturmodellen ist Sparen zurückgehaltene Nachfrage. Wer nicht ausgibt, sorgt dafür, dass ein anderer weniger einnimmt. Sparen alle gleichzeitig, schrumpft die Wirtschaft. Deshalb gilt Konsum in vielen politischen Debatten als das, was angekurbelt gehört.
Die Gegenposition dreht das um. Gespartes Geld verschwindet nicht, es steht für Investitionen bereit. Wer Rücklagen hat, kann eine Kündigung überstehen, einen schlechten Auftrag ablehnen oder sich selbstständig machen. Sparen erzeugt aus dieser Sicht keine Lücke, sondern Spielraum.
In der Bitcoin-Szene wird zusätzlich beobachtet, dass Menschen mit knappem Geld weiter nach vorn planen. Man spricht von gesenkter Zeitpräferenz, also einer stärkeren Gewichtung der Zukunft. Ehrlicherweise gehört dazu: Das ist eine Beobachtung, keine gemessene Größe. Es kann ebenso sein, dass langfristig denkende Menschen eher bei Bitcoin landen. Warum die Grenze bei 21 Millionen liegt, erklärt der Kurzkurs Warum 21 Millionen genug sind.
Viertens: Wer bekommt das neue Geld zuerst?
Der irische Bankier Richard Cantillon schrieb um 1730 eine Abhandlung über den Handel, die erst nach seinem Tod erschien. Darin steht eine Beobachtung, die bis heute trägt: Neues Geld erreicht nicht alle gleichzeitig. Es sickert von einer Stelle aus ins System. Wer früh dran ist, kauft noch zu alten Preisen. Wer spät dran ist, findet die Preise erhöht vor, ohne je etwas von dem neuen Geld gesehen zu haben.
Dieser Cantillon-Effekt ist keine Verschwörung, sondern Mechanik. Er erklärt, warum Vermögenspreise nach großen Geldschöpfungsprogrammen oft schneller steigen als Löhne. Wer bereits Wohnungen oder Aktien besitzt, sitzt näher an der Quelle als jemand, der von seinem Gehalt lebt.
Bei Bitcoin gibt es diese Quelle nicht. Der Ausgabeplan stand vom ersten Tag an fest und ist für jeden einsehbar. Niemand kann sich zusätzliche Einheiten genehmigen, auch nicht in einer Notlage.
„Frühe Käufer haben doch auch viel mehr bekommen.“ Das stimmt. Wer 2011 gekauft hat, steht heute anders da als jemand, der 2024 eingestiegen ist. Der Unterschied liegt nicht im Ergebnis, sondern im Zugang: Die Regeln waren von Beginn an öffentlich, niemand hatte einen kurzen Draht zur Ausgabe. Dafür trugen die Frühen ein Risiko, das heute kaum noch vorstellbar ist.
Man muss das nicht gerecht finden. Es ist aber ein anderer Vorgang als eine Entscheidung an einem Tisch, zu dem die meisten keinen Zugang haben.
Warum das Gespräch so oft ins Leere läuft
Nimm die vier Annahmen zusammen: Geld kommt vom Staat, etwas Geldentwertung ist nötig, fallende Preise sind der Feind und Sparen bremst die Wirtschaft. Wer so denkt, für den ist eine knappe, staatsferne Geldform kein interessanter Vorschlag, sondern ein Rückschritt.
Das heißt nicht, dass diese Ökonomen dumm sind oder etwas verheimlichen. Es heißt, dass die Debatte meistens gar nicht über Bitcoin geführt wird. Sie wird über Geld geführt. Das merken beide Seiten oft nicht.
Daraus folgt etwas Praktisches: Wenn dir das nächste Mal jemand erklärt, Bitcoin ergebe keinen Sinn, frag nach, welche dieser vier Annahmen dahintersteckt. Das führt fast immer zu einem besseren Gespräch als ein Streit über Kurse.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der Bildung und Information, er stellt keine Anlageberatung dar. Stand: 14. September 2026.
Quellen: EZB, Geldpolitische Beschlüsse vom 10. September 2026; EZB, Strategieüberprüfung vom 30. Juni 2025; Carl Menger, Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, 1871; Richard Cantillon, Essai sur la nature du commerce en général, um 1730 verfasst, 1755 erschienen.
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