Warum Bitcoin problemlos viel Strom braucht

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⏱ Lesezeit: ca. 5 Minuten
Das Wichtigste in Kürze
  • Strom lässt sich kaum speichern. Bei Überschuss aus Wind oder Sonne sinken die Preise oft unter null.
  • Bitcoin-Miner sind abschaltbar, ortsungebunden und extrem preissensibel. Genau deshalb passen sie zu Strom, den sonst niemand will.
  • In manchen Regionen machen Miner sogar neue Kraftwerke erst wirtschaftlich, weil noch keine anderen Abnehmer da sind.
Bitcoin-Mining verbraucht viel Strom. Das stimmt und wird auch niemand bestreiten. Weniger bekannt ist, wann dieser Strom fließt. Oft genau dann, wenn er sonst niemandem fehlt, etwa bei Überschuss aus Wind oder Sonne oder in Regionen, in denen ein neues Kraftwerk noch keine anderen Abnehmer hat. In solchen Fällen wird Mining zu etwas, das man selten erwartet: ein flexibler Puffer für Strom, der sonst verloren ginge.

Warum Strom manchmal „übrig“ ist

Strom lässt sich in großem Stil kaum speichern. Erzeugung und Verbrauch müssen deshalb in jedem Moment im Gleichgewicht sein. Bei viel Sonne oder Wind und gleichzeitig geringer Nachfrage entsteht ein Überschuss. Dann werden Anlagen abgeregelt, oder der Strom wird zu negativen Preisen verkauft. Erzeuger zahlen in diesen Momenten also dafür, dass ihnen jemand den Strom abnimmt. 2023 lag der Börsenstrompreis in Deutschland an mehr als 300 Stunden im negativen Bereich, 2024 waren es laut Bundesnetzagentur bereits über 450 Stunden. Der Trend zeigt seither weiter nach oben. Dieser überschüssige, saubere Strom wird häufig schlicht verschwendet, obwohl er längst produziert ist.

Bitcoin-Mining als Abnehmer letzter Instanz

Genau in diesen Momenten können Bitcoin-Miner einspringen. Sie nehmen Strom ab, für den sonst niemand zahlt. Da Mining nur bei niedrigen Preisen rentabel ist, drängt es sich fast von selbst in die Stunden mit Überschuss.
🔍 Beispiel aus Baden-Württemberg

Die Telekom-Tochter Telekom MMS testet zusammen mit dem Bankhaus Metzler ein Pilotprojekt auf dem Gelände der Riva Engineering GmbH in Backnang. Dort steht eine eigene Solaranlage. Wird zu viel Solarstrom produziert oder droht eine Abregelung, springt der Mining-Container an und nutzt genau diesen Überschuss. Die Partner nennen das Konzept „digitale monetäre Photosynthese".
So hilft Mining, Stromspitzen abzufangen und erneuerbare Energie besser zu nutzen, ohne anderen Nutzern etwas wegzunehmen.

Bitcoin-Mining als Abnehmer erster Instanz

Mining kann auch dort sinnvoll sein, wo neue Anlagen entstehen, aber noch keine ausreichenden Abnehmer vorhanden sind. Das kenianische Unternehmen Gridless nutzt genau dieses Prinzip in mehreren Ländern Afrikas, unter anderem in Kenia, Malawi und Sambia. Was Bitcoin für Menschen in solchen Regionen bedeutet, haben wir uns im Beitrag Bitcoin in Kenia: Wenn Hoffnung wieder einen Wert bekommt genauer angesehen. Ein gut dokumentiertes Beispiel ist das Wasserkraftwerk Zengamina im Nordwesten Sambias. Es erzeugte über Jahre mehr Strom, als die umliegenden Dörfer abnehmen konnten, und konnte sich dadurch kaum finanzieren. Seit Gridless dort einen Container mit Mining-Hardware aufgestellt hat, kauft das Unternehmen den überschüssigen Strom ab und macht daraus etwa 30 Prozent der Einnahmen des Kraftwerks aus. Das hält die Strompreise für rund 15.000 Menschen in der Region niedrig und finanziert den weiteren Netzausbau, unter anderem für ein Krankenhaus und mehrere Schulen. Wächst die lokale Nachfrage, verlagert Gridless die Mining-Container irgendwann weiter, dorthin, wo wieder überschüssige Energie ungenutzt bliebe.

Warum Mining selten in Konkurrenz tritt

Bitcoin-Mining unterscheidet sich in drei Punkten von den meisten anderen Stromverbrauchern:
⚡ Drei Eigenschaften, die Mining besonders machen:

1. Abschaltbar. Miner können innerhalb von Sekunden reagieren und pausieren, sobald das Netz belastet ist.

2. Mobil. Die Anlagen lassen sich dorthin bringen, wo gerade Strom im Überfluss vorhanden ist, notfalls in einem Container.

3. Preissensibel. Steigt der Strompreis, wird Mining schnell unrentabel. Die Miner schalten dann von selbst ab.
Genau deshalb tritt Mining meist nicht in Konkurrenz zu Haushalten oder Unternehmen. Stattdessen nutzt es Strom, der sonst ungenutzt bliebe.

Warum nicht einfach speichern?

Wer bis hierher gelesen hat, stellt sich vermutlich eine naheliegende Frage: Wenn Strom übrig ist, warum hebt man ihn nicht einfach für später auf, statt ihn zu verrechnen? Die Antwort beginnt mit einer Klarstellung. Mining und Speicher sind keine Konkurrenten, sie gehören in verschiedene Kategorien. Ein Speicher gibt Energie später zurück. Mining tut das nicht, es ist ein Verbraucher und kein Speicher. Beides ersetzt einander nicht. Trotzdem lohnt der Vergleich, denn beim Umgang mit Überschuss stehen sie tatsächlich nebeneinander.

Was beim Umwandeln verloren geht

Speichern kostet Energie, teils erheblich. Entscheidend ist der Wirkungsgrad über die gesamte Kette, also wie viel von einer eingespeicherten Kilowattstunde am Ende wieder als Strom herauskommt.
Weg Wirkungsgrad Anmerkung
Batterie 80 bis 90 % teuer je Kilowattstunde, gedacht für Stunden
Wasserstoff 40 bis 50 % dafür monatelang lagerfähig
Mining kein Rückweg wandelt sofort in Erlös und Wärme um
Beim Wasserstoff summieren sich die Verluste zweimal. Die Elektrolyse arbeitet mit 60 bis 70 Prozent Wirkungsgrad, die Rückverwandlung in der Brennstoffzelle mit etwa 60 Prozent. Das Fraunhofer-Institut ISI beziffert die gesamte Kette für die Rückverstromung ins Netz auf 40 bis 50 Prozent, im Fahrzeug sogar nur auf 35 bis 40 Prozent.
⚡ Von zehn Kilowattstunden Überschuss bleiben nach dem Umweg über Wasserstoff nur vier bis fünf übrig.

Das ist kein Argument gegen Wasserstoff. Er kann etwas, das keine Batterie kann: Energie über Monate lagern und damit den Sommer in den Winter tragen. Nur ist er eben kein verlustfreier Zwischenspeicher.

Der Unterschied liegt in der Auslastung

Es gibt noch einen Punkt, der in der Debatte oft fehlt. Eine Elektrolyseanlage kostet viel Geld und muss möglichst durchlaufen, damit sich die Investition rechnet. Überschussstrom fällt aber naturgemäß unregelmäßig an, mal ein paar Stunden an einem windigen Sonntag, mal tagelang gar nicht. Genau hier liegt die Stärke des Minings. Ein Miner arbeitet auch dann wirtschaftlich, wenn er nur in wenigen Stunden des Monats läuft, weil er ausschließlich in den günstigen Stunden anspringt. Er braucht keine Mindestauslastung, um sinnvoll zu sein. Dazu kommt die Abwärme. Ein Miner verwandelt praktisch die gesamte aufgenommene Energie in Wärme. Diese lässt sich weiterverwenden, etwa in Nahwärmenetzen, Gewächshäusern, Trocknungsanlagen oder Schwimmbädern. Aus einer Kilowattstunde Überschuss werden so ein Erlös und nutzbare Wärme.
🔍 Was Mining nicht kann

Wasserstoff hat einen Vorteil, den Mining nie haben wird. Er ersetzt fossile Energie dort, wo Strom allein nicht weiterhilft: in der Stahlerzeugung, in der Chemie, im Schwerlastverkehr. Mining dekarbonisiert nichts. Es macht überschüssige Energie nur wirtschaftlich verwertbar.

Die ehrliche Frage lautet deshalb nicht "Mining oder Wasserstoff", sondern: Was geschieht mit Strom, der sonst abgeregelt würde? Wegwerfen, verlustreich speichern oder sofort verwerten. In der Praxis wird es eine Mischung aus allem sein.

Wann es doch zu Problemen kommen kann

In seltenen Fällen kann Mining anderen Verbrauchern tatsächlich Strom wegnehmen. Das passiert vor allem dann, wenn Preissignale verzerrt sind, etwa durch staatlich gedeckelte Strompreise. Ein bekanntes Beispiel ist Kasachstan: Dort zog künstlich billiger Strom Ende 2021 so viele Miner an, dass Teile des Netzes überlastet wurden und die Regierung eingreifen musste. Solche Situationen bleiben die Ausnahme. In funktionierenden Märkten steigen die Preise bei echter Knappheit, wodurch sich Mining von selbst wieder unattraktiv macht. Auch deshalb ist der beliebte Vergleich „Bitcoin verbraucht so viel Strom wie Land XY" wenig hilfreich. Er ignoriert, wann, wo und unter welchen Bedingungen dieser Strom tatsächlich fließt. Oft ist es genau der Strom, für den es sonst keinen Abnehmer gibt. Bitcoin verbraucht Energie. Aber ob das ein Problem ist, hängt fast immer davon ab, welche Energie. Wer das einmal verstanden hat, sieht die pauschale Kritik mit anderen Augen.

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